Poetische Heimatkunde

Kein Künstler, der es ernst mit sich und seiner Kunst meint, sucht sich seine Motive aus: sie kommen zu einem.
Der Maler Fritz Föttinger kann diese Weisheit, so abgedroschen sie auch seinen mag, mit seinem Werk beglaubigen. Da wirkt nichts abgestimmt auf einen Markt, auf eine Käuferschicht, deren Interessen man sich heranzüchtet. Da herrscht nur eine Instanz: die Zuneigung zum geliebten, zum bedrängenden Gegenstand, der herausmuss, um auf einer Leinwand für eine gewisse Ewigkeit fixiert zu werden.
Und nun Schluss mit aller Kunsttheorie, denn Föttingers Kosmos ist zu sehr vom Erleben geprägt, als dass man ihm mit trockenen Sätzen gerecht würde. Alles andere als trocken nämlich ist schon das eine der Motive, die diesem Band den Namen gegeben haben. In den letzten Jahren gerieten sie so sehr in das Blickfeld des Obernseeser Schulhausbewohners, dass sie unausweichlich das ebneten, was man gemeinhin als „neue Schaffensphase“ bezeichnet: der Blick aufs Meer, der Blick auf den Strand und – dies vor allem – auf seine Menschen. Allein diese Bilder stehen in einer Tradition. Der Maler braucht nicht verleugnen, dass immer noch die Melancholie seine Domäne ist, dass immer noch die absolute Stille in seinen Bildern von Schiffern, Paaren und Einsamen ruht. Diese Stille jedoch verleiht den Werken Fritz Föttingers etwas absolut Zeitloses. Zeitlos aber sind seine ganzen Motive: eine Seefahrt so sehr wie ein Schiffbruch, die Hoffnung auf einen reichen Fang wie die Angst, mit dem Kahn unterzugehen. Die Meerfahrt als Daseinsmetapher – auch so könnte man die Bilder charakterisieren, die in den letzten Jahren entstanden. Zur See fuhr der Künstler bereits vor Jahrzehnten, dann entdeckte er den Nordwesten Frankreichs, die Bretagne und ihre Küstenlandschaft. Ist er dort mit seiner Frau Inge zu Gast, wohnt er auf einem Bauernhof bei Cléder, der Anna und Louis gehört, spielt Pétanque mit den Einheimischen und besucht die Galerie seines Freundes Guillaume Barazer im Maria-Stuart-Haus zu Roscoff. Zwischen den Artischockenfeldern ist es so bäuerlich wie in seinem Franken, und die Liebe zur französischen Landschaft hat sich niedergeschlagen in neuen Texten, neuen Bildern.


Plötzlich tauchten Boote in seinem Werk auf, Schifferboote und Kähne, nussschalengleich zumeist. Seine Heimatkunde ist poetischer, nicht vermessungstechnischer Art. Seine Menschenwesen gleichen oft Gestrandeten, wenn sie vor oder in Booten stehen: die „Boatpeople“ natürlich, aber auch das Paar in „Horizont“ – erinnert es nicht an Deukalion und Pyrrha, die einzigen überlebenden der großen Flut, den griechisch-antiken Verwandten von Noah und seinem Weib? Und die vier auf dem Meer, während der „Überfahrt“, rufen sie nicht die irischen Missionare ins Gedächtnis, die einst, am Ende des ersten Jahrtausends, das wilde Europa in einer Zeit des rückkehrenden Heidentums wiederum zu christianisieren versuchten und den Untergang, wenn auch nicht gerade billigend, in Kauf nahmen? Jeder Seemann weiß, dass der Tod jederzeit an Bord kommen und sich zur letzten Passage anmelden kann – aber die vier Gestalten lächeln sacht, ganz sacht. Auch darin sind sie echt föttingerisch.


Dass „die Kunst zur eisen fast die Wissenschaft des Lebens“ sei, bemerkte einst George Sand. Man fährt durchs Leben wie durch ein Meer. Dieses Bild herkömmlich, aber der Maler erfüllt es mit Leben und Farben, die nicht kopierbar sind. Seine Figuren sind auf der Reise, manchmal sogar dort, wo sie am Platz verwurzelt zu sein scheinen, denn auch ein Wartender reist durch die Zeit. Ganz offensichtlich auf Wanderschaft ist das Paar mit dem Kind in der Flucht nach Ägypten, einem Motiv, das er wie viele andere im Land am Meer fand. So verwandelt er sich die Landschaft und ihre Kultur an, die er so liebt und die er oft besuchte: die Bretagne, wo einst die Legende von Tristan und Isolde erzählt wurde.
Legendenhaft ist auch die Passionsgeschichte Christi, die in vielen Bildwerken der frühen Neuzeit von den Skulpteuren im Departement Finistère, also dem „Ende der Erde“, in den Stein gemeißelt wurde. Das ungewöhnliche Motiv der Piéta mit den drei Frauen – Maria, Maria Magdalena und Cleofè – fand der Reisende ebenso im Land der eigentümlichen Kalvarien wie jenes der Bootsfahrer, dort, wo „Heidnisches“ und Christliches sich untrennbar vermischten. Er fand sie in den Reliefs der Kirchen und Passionsmonumente, weil sie seinem Sinn für die einfachen, gültigen Motive so entgegenkommen, erstaunlicherweise selbst dort, wo sie den Einheimischen schon gar nicht mehr ins Auge fielen (was man in Roscoff, wo „Fritz“ erfolgreich ausstellte, mit Überraschung bemerkte). Auch darin ist er ein Meister: im genauen Blick, der das Gefundene in eine Sprache übersetzt, die wiederum mit dem Alten und den alten Meistern Kontakt hält.
Er hat nun keine herkömmliche „Beweinung Christi“ gemalt, sondern ein Bild, das den ewigen, heillosen Widerspruch des Todes skizziert: Drei blutrote Madonnen halten den toten Leib des Gekreuzigten. Das mag in einem sehr altertümlichen Sinn für fromm-katholisch oder eben „heidnisch“ und für unzeitgemäß halten, wer will. Hier muss vieles offenbleiben; genau darin besteht die Freiheit, die der Maler sich selbst und den Betrachtern seiner Bilder schenkt. Zeigt er ein Paar vor einem Schiff, so fragt man sich, ob hier Abschied genommen oder begrüßt wird. Vielleicht weiß es ja der Milan, der rote Vogel, der durch den Himmel kreuzt. Auch das Alter der Menschen bleibt unentschieden, aber darauf kommt es nicht an. Ihre Alterslosigkeit entspricht ihrer Zartheit. Auch die „Grünzarte“ ist so eine anrührende Gestalt, wundersam traurig und so zerbrechlich, als könnte sie ein Lufthauch davonblasen. Andere Gesichter mögen auf den ersten Blick schroff wirken, doch muss man genauer hinschauen. Im abschließenden, ja krönenden Bild dieses Bandes aber hat die Sanftheit ihre vollkommene Form gefunden. Sehr schwer, darüber zu schreiben, über den vorsichtigen, traurigen Ausdruck in den Gesichtern dieser beiden. Es gehört zur Kunst eines Fritz Föttinger, dass man nicht viele Worte über sein Werk machen muss – weil die Worte vor diesem Werk seltsam zweitrangig erscheinen.
Abseits der Worte, die der poetische Heimatkundler sich auch machte, als Lyriker wie als prosaischer Schilderer der bretonischen Freunde, Vögel und Wetterlagen, abseits der Sprachkunst begab sich der Maler auch auf die Spuren der Musik: was im Falle des Künstlers nichts anderes heißen kann, als dass er sich jenen widmete, die Musik machen. Auch das trägt einen gleichnishaften Charakter. Es ist nicht falsch, wenn man die Musikanten-Bilder, vielleicht auch die Landschaftsaufnahmen, als optische Klangkompositionen bezeichnet – auch wenn dies mit Vernunftsgründen kaum zu belegen ist. Die Musik ist eines der menschlichen Ausdrucksmittel, eines ihrer Bindeglieder, und nicht das Geringste – wenn auch das Melancholischste. Auch hier herrscht das wundersam Unentschiedene zwischen Dur und Moll. Kein Zufall also, dass der Künstler sich dieses Themas annahm. Da steht er dann für sich und spielt, der Mensch. Die Einsamen der Musik machen vornehmlich eine Musik der Stille. Farbverwachsen sind die Gestalten, die wie Idealporträts des Gitarristen, des Harmonikaspielers scheinen. Ruhige Farbstimmungen untermalen nicht, sondern charakterisieren. So zeigt Föttinger die „populäre“ Musik – im eigentlichen, ursprünglichen Sinn des Wortes. Er kommt auch hier seinen Menschen mit zärtlicher Sachlichkeit bei. Dass manches wie eine Skizze daherkommt, verschlägt nichts. Es ist Ausdrucksmittel einer Musikalität, die im Leisen ihr Genügen findet.


Etwas aber ist anders geworden im weiteren Werk Fritz Föttingers, so sehr er sich treu blieb: Die Farbigkeit wechselte ihren Stand. Die späten Herbst- und Erdfarben wurden heller durchmischt, die dunklen Töne wichen dem brennenden Rot, dem tiefen Blau. Tiefblau ist – natürlich – das Meer, tiefblau ist eine kühle, gleichsam maritime Fläche, die schon in den Zyklus der neuen Geländebilder gehört. „Juraland, / vorkreidig, / platte Berge, / abgedorrt, / schafbeweidet/ und stark faunig.“ Mit diesen Worten hat Föttingers Freund, der Maler Friedrich Gröne, einst die Landschaft der Fränkischen Schweiz beschrieben. Scheinbar weit entfern vom Meer, gibt es doch mehr als eine Verbindung zwischen dem Oberen Jura und dem Küstenland. Da sind die Wellen zwischen den Bergen, hineingelagert die Täler, drüber geschichtet die typischen Höhenflächen der Fränkischen Schweiz. Da sind die uralten, 140 Millionen Jahre alten Gesteinsablagerungen, die einst ein Meer voller lebender Wesen waren. Aus Getier und Gewürm wurde Stein, wurde Kalk und Karst, aus Schwämmen und Korallen gestalteten sich dolomitische Rifftrümmer.
Auch hier ist Land in Sicht: da sich der Heimatkundler auf die Fährten in seiner näheren Umgebung setzt, wo schon im neunzehnten Jahrhundert die Dichter und Landschaftsmaler ihre Notiz- und Skizzenblöcke herausholten, also zwischen Tüchersfeld und Muggendorf, Oberailsfeld und Pottenstein. „Wer mit ihm geht / muss gut / zu Fuß sein. / Sein Hund läuft / voraus / auf schmalem Schaftritt / um Wacholder / über abschüssigen / Trockenrasen mit / winzigen Blümchen.“ So schrieb er einmal selbst in einer seiner knappen, präzisen Skizzen, die, setzt man nur den Zeilenbruch genau, zu kleinen Gedichten werden. Da ist auch die Rede von Silberdistel und Türkenbund, von Frauenschuh und Küchenschelle, Aronstab und Salomonssiegel, den poetischen Bezeichnungen aus dem Wörterbuch der Botanik, das der ehemalige Heimatkundelehrer verinnerlicht hat. Allein Silberdiestel und Türkenbund wird man verblich in seinen Bildern von der „Fränkischen“ suchen, denn hier ist kein Totorealist, auch kein Sonntagsmaler am Werk. Die Landschaft, in der mehr als ein Märchen der Gebrüder Grimm spielen könnte, wird von ihm gleichsam aufgerauht, mit schroffen Einlagerungen versehen, so dass am Ende manch Werk einer örtlichen Kalkablagerung gleicht. Föttinger ist auch kein Sommermaler, der seine Staffelei in der Gegend aufschlägt, um ein möglichst idyllisches Porträt zu liefern – das er in Sommer und Herbst nicht malt, hat seinen guten Grund. Der Kitsch, der beim Malen in diesen heiklen, farbigen Zeiten entsteht, muss schließlich nicht verewigt werden. So schafft er seine Werke im Winter und verleiht ihnen die Farbigkeit, die allein zu ihnen Passt, unabhängig von der Natur, die bloß abzumalen überflüssig ist. Auch dies unterscheidet ihn von den allzu vielen Sonntags- und Postkartenmalern, deren Ehrgeiz allein auf die Nachahmung geht. Auch ein naiv „romantisches „ Bild ist heute nicht mehr möglich, schon gar nicht dann, wenn man sich sommersonntags auf die Hauptpfade der Fränkischen Schweiz begibt und den Tausenden von Sommerurlaubern auszuweichen versucht. „Romantisch“ allerdings war diese Landschaft, so oft auch die Maler und Zeichner der Romantik die Gegend bereisten, vermutlich nie. Sie war immer relativ ärmlich, auch wenn manch kostbare Kapelle auf dem Hügel thront, manch Schloß noch erhalten ist. Ohne perspektivische Raumgestaltung setzt Föttinger nun die Denkmäler der Natur und der Baukunst auf seine Leinwände. „Tüchersfeld leuchtet“ erinnert an die Prozession, die alljährlich am 6. Januar – auch dies in „heidnischer“ Erinnerung – die Geburt Christi feiert. Dann werden die Felsen bei den kleinen Städten mit Holzfeuern illuminiert; die steinernen Hänge strahlen in einem eigentümlichen Schein. Föttinger zeigt die frei kolorierten Felsnadeln nicht als heimeliges Winter-Idyll, sondern als bedrohliche, über dem Dorf aufragende Felsmassen. Natürlich gibt es auch eine Schauer-Romantik, die dem Ruinösen, dem Dunklen und Erhabenen mehr vertraut als dem landläufig „Romantischen“. In diesem Sinn – aber auch nur in diesem – ist der Obernseeser Malerpoet auf seine Weise romantisch.
Sonst aber legt sich der Tag in seinem Oeuvre zur scheinbaren Ruhe. Die Gegend des „Klaussteins“ ist allein am charakteristischen Turm der weißen Kapelle auszumachen. Der Rest ist eine Erfindung in Grün, ein Farbleuchten, eine in Sprenkeln aufgelöste Landschaft mehrfarbiger Bäume, die der Natur den Impuls verdankt: ein Rot, ein Blau, ein Grün vorbeigesendet, wie Rainer Maria Rilke vielleicht angesichts dieses Bildes gesagt hätte. Wer länger hinschaut, mag hier und in anderen Ansichten Schriftzeichen in den strichhaften Bäumen entdecken, welche die Farbblöcke überlagern: vielleicht ein D, ein G, ein B. Zwingend ist auch dies nicht, denn wichtiger ist die Machart, die aus oft gemalten Motiven gänzlich neue macht.


Auch und gerade diese Heimatkunde ist poetischer Art; sie setzt Genauigkeit voraus, weil schon die Griechen wussten, dass mit dem Wort Poesie nichts anderes umschrieben wird, als das Handwerk des präzisen „Machers“. Und so trägt Föttinger Farbblöcke über Farbblöcke auf, setzt die Kapellen, Dächer und Waldwogen hinein, schafft sich eine eigene Landschaft, wobei er die wirkliche als Wanderweg wie als Vor-Bild braucht. Spielt die Musik in den Dörfern und den kleinen Städten, auf Schäfer- und Feuerwehrfesten, so liegt eine Stille in den Föttingerschen Landschaften, die auch ein Protest ist: gegen den Lärm, der manchmal durch die Fränkische Schweiz zieht, gegen den Unsinn des Massentourismus, der zwischen Zeckenstein und Sophienhöhle, unterhalb der Felszinnen und der Felsbänke zuweilen herrscht. So schwingt die Sehnsucht nach einer einsamen Gegend durch die Bilder. Ganz von fern grüßen sie zu den anderen zeichnenden und poetisierenden Romantikern hinüber, die vor zweihundert Jahren anfingen, in der stillen Natur eine Entsprechung für ihre Blüten- und Seelenträume zu suchen, in Taugenichtsempfindungen, zeitlosen Wünschen –
Doch gewiss: Föttinger liebt seine Heimat und die, die drin wohnen, die Wirtshäuser und die Wirtsleute, das Gestein und den Himmel darüber. Man sieht es in jeder der Ansichten, die der Fränkischen Schweiz gewidmet sind. Wer nicht die Gelegenheit hat, mit ihm über die Höhen und durch die Täler zu fahren, kann es hier spüren. So entwirft er seine Fränkische Schweiz skizzenhaft in der Hand und entwickelt sie im Atelier, den Blick vielleicht zuweilen auf eines der Miniaturschiffe gerichtet, die auf der Fensterbank des alten Obernseeser Schulhauses stehen.


Auch in diesen kleinen maritimen Kunstwerken kann Heimat sein, in der Erinnerung, im Traum von einer Meerfahrt, wer weiß …
So begegnen sich die Meereslandschaft und die Berge und Täler der Fränkischen Schweiz auf halbem Wege: hier die Menschen, dort der Wald, die Kirchen, die Steine. Hier die Erwartung, dort die Ankunft irgendwo zu Hause. Das Land ist in Sicht, und wohl noch mehr. Die Erwartung drückt nicht mehr. Auch das kann ein künstlerisches Glück sein – bis zum nächsten Motiv, zum nächsten Ereignis, das zu einem will, einen bedrängt, ob man mag oder nicht. Dann muss es wieder auf die Leinwand, aufs Papier, mit oder ohne Musikbegleitung.
Föttinger malt, würde man seinen Stil ins Musikalische übersetzen, sozusagen mit drei p, also pianissimo – sehr, sehr leise. Das kann einsam klingen, und so ist es ja auch zumeist gemeint: mit stiller Intensität.
Dr. Frank Piontek